Knoblauch Indische Legende

Der Knoblauch, der aus dem Blut eines Dämons entstand

Einer Legende nach, soll Knoblauch aus dem Blut eines Dämons entstanden sein. Das klingt nach einer Geschichte, die man sich an einem dunklen Winterabend am Feuer erzählt. Doch genau eine solche Legende gibt es tatsächlich.

Sie führt weit weg von unseren Gemüsebeeten nach Indien und hinein in eine Welt voller Götter, Dämonen und eines geheimnisvollen Trankes, der Unsterblichkeit versprach.

Im Mittelpunkt steht Rahu, ein Asura, der die Götter überlistete und vom Nektar der Unsterblichkeit trank. Sein Betrug wurde entdeckt und er bezahlte dafür mit seinem Kopf. Doch damit war die Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Denn dort, wo sein Blut auf die Erde fiel, soll einer alten Überlieferung zufolge eine Pflanze entstanden sein.

Knoblauch.

Ausgerechnet jene unscheinbare Knolle, die heute in unseren Gärten wächst und in der Küche kaum wegzudenken ist, soll damit etwas Göttliches und etwas Dämonisches zugleich in sich tragen.

Eine Geschichte aus der indischen Mythologie

Um die Legende vom dämonischen Ursprung des Knoblauchs zu verstehen, müssen wir zunächst einen kleinen Ausflug in die indische Mythologie unternehmen.

Dort begegnen uns die Devas und die Asuras.

Vereinfacht werden die Devas häufig als Götter und die Asuras als Dämonen bezeichnet. Ganz so einfach ist die ursprüngliche religiöse Bedeutung allerdings nicht. Für unsere Geschichte genügt es zunächst zu wissen, dass sich beide Gruppen gegenüberstanden und um Macht und Vorherrschaft kämpften.

Und beide begehrten etwas ganz Besonderes: Amrita, den Nektar der Unsterblichkeit. Wer davon trank, sollte den Tod überwinden können.

Natürlich wollte keine der beiden Seiten dieses kostbare Elixier der anderen überlassen.

So begann eine der berühmtesten Geschichten der hinduistischen Mythologie: das Quirlen des Milchozeans, das Samudra Manthan.

Götter und Dämonen quirlen den Milchozean

Der Legende nach lag das kostbare Amrita nicht einfach irgendwo in einem goldenen Becher herum. Um es zu gewinnen, musste der kosmische Milchozean gequirlt werden.

Dafür brauchten die Götter ausgerechnet die Hilfe ihrer Gegenspieler.

Devas und Asuras arbeiteten also zunächst gemeinsam.

Als Quirlstab diente der gewaltige Berg Mandara. Die riesige Schlange Vasuki wurde darumgelegt und als Seil benutzt. Beide Seiten zogen abwechselnd an ihr und setzten dadurch den Berg in Bewegung.

Der Ozean begann zu wirbeln. Aus seinen Tiefen kamen nach und nach verschiedene kostbare und wundersame Dinge zum Vorschein.

Doch das Quirlen brachte nicht nur Gutes hervor. Auch ein schreckliches Gift erschien. Erst nachdem diese Gefahr gebannt worden war, konnte das große Ziel erreicht werden.

Schließlich erschien das ersehnte Amrita. Der Nektar der Unsterblichkeit war da.

Und spätestens jetzt war es mit der Zusammenarbeit zwischen Göttern und Asuras vorbei.

Der Kampf um den Nektar der Unsterblichkeit

Jeder wollte Amrita besitzen.

Nach einer bekannten Überlieferung nahm Vishnu die Gestalt der wunderschönen Mohini an. Durch eine List sollte verhindert werden, dass die Asuras vom Unsterblichkeitstrank bekamen.

Die Devas erhielten das kostbare Elixier.

Doch einer der Asuras durchschaute den Plan.

Sein Name war Rahu.

Rahu verkleidete sich und mischte sich unter die Götter. Tatsächlich gelang es ihm, einen Platz zwischen ihnen einzunehmen.

Dann geschah, was eigentlich verhindert werden sollte. Rahu bekam Amrita. Er setzte den Becher an seine Lippen und trank.

Für einen Augenblick sah es so aus, als hätte der Asura die Götter überlistet.

Doch sein Betrug blieb nicht lange unentdeckt.

Vishnu schlägt Rahu den Kopf ab

Rahu wurde erkannt.

Vishnu reagierte sofort und schleuderte sein mächtiges Sudarshana Chakra. Die göttliche Wurfscheibe traf Rahu und trennte seinen Kopf vom Körper.

Eigentlich hätte die Geschichte an dieser Stelle enden können.

Der Betrüger war bestraft.

Doch Rahu hatte bereits vom Amrita getrunken.

Der Nektar der Unsterblichkeit hatte seine Lippen berührt und war in seinen Körper gelangt. Deshalb konnte Rahu der Überlieferung zufolge nicht einfach sterben.

Sein Kopf lebte weiter.

In späteren mythologischen Vorstellungen werden Rahu und Ketu mit den beiden Mondknoten verbunden. Rahu gilt dabei als verschlingende Macht, die Sonne oder Mond zeitweise verschluckt. Auf diese Weise wurden Sonnen- und Mondfinsternisse mythologisch erklärt.

Für unsere Geschichte ist jedoch etwas anderes entscheidend.

Als Vishnus Waffe Rahus Körper durchtrennte, floss Blut.

Und dieses Blut fiel auf die Erde.

Aus Rahus Blut wächst Knoblauch

An dieser Stelle beginnt die eigentliche Knoblauchlegende.

In einer Überlieferung, die auch in der tibetischen Medizin aufgegriffen wurde, fiel ein Tropfen von Rahus Blut auf die Erde.

Dort geschah etwas Merkwürdiges.

Aus dem Blut wuchs eine Pflanze.

Knoblauch.

Damit erhielt der Knoblauch einen ausgesprochen zwiespältigen Ursprung.

Auf der einen Seite stammte er vom Blut eines Asura. Das verlieh ihm etwas Unreines und Dämonisches.

Auf der anderen Seite hatte Rahu unmittelbar zuvor vom Amrita getrunken.

Der Nektar der Unsterblichkeit und das Blut des Asura waren miteinander verbunden.

Knoblauch war der Legende zufolge deshalb weder vollständig dämonisch noch vollständig göttlich.

Er trug etwas von beidem in sich.

Und genau diese Vorstellung macht die Geschichte so interessant.

Knoblauch als „Blut der Asuras“

Die Erzählung ist nicht nur eine moderne Internetgeschichte. In der Literatur zur traditionellen tibetischen Medizin findet sich tatsächlich die Bezeichnung des Knoblauchs als „Blut der Asuras“ beziehungsweise als Blut der Halbgötter.

Dort wird die Entstehung ähnlich erklärt: Als Rahu enthauptet wurde, nachdem er vom Nektar der Unsterblichkeit genommen hatte, fiel Blut auf die Erde und daraus entstand Knoblauch.

Das erklärt einen scheinbaren Widerspruch.

Wie kann eine Pflanze, der so viele positive Eigenschaften zugeschrieben wurden, gleichzeitig als unrein gelten?

Die Legende liefert darauf eine wunderbare mythologische Antwort.

Der Knoblauch besitzt die Kraft des Amrita – aber er trägt gleichzeitig das Blut des Asura in sich.

Eine Pflanze zwischen zwei Welten.

Warum Knoblauch in manchen Traditionen gemieden wird

Wer sich mit indischer Ernährungskultur beschäftigt, stößt irgendwann auf eine Besonderheit: In bestimmten religiösen und spirituellen Traditionen werden Knoblauch und Zwiebeln gemieden.

Das mag zunächst merkwürdig erscheinen.

Schließlich sind beide Pflanzen ganz normale Lebensmittel.

Hinter dem Verzicht stehen unterschiedliche religiöse und philosophische Vorstellungen. Knoblauch wurde unter anderem nicht als Bestandteil einer besonders reinen, sattvischen Ernährung angesehen. In bestimmten brahmanischen Traditionen galt er als unreines Nahrungsmittel.

Die Geschichte von Rahu bietet dafür eine bildhafte Erklärung.

Wer eine Pflanze aus dem Blut eines Asura wachsen lässt, braucht schließlich nicht mehr lange zu erklären, warum sie für bestimmte religiöse Speisen ungeeignet sein könnte.

Allerdings gibt es nicht nur diese eine Ursprungsgeschichte.

Nicht jede Legende erzählt dieselbe Geschichte

Bei alten Mythen ist Vorsicht angebracht. Sie existieren häufig in verschiedenen Fassungen, und genau das ist auch beim Knoblauch der Fall.

In einer Version entsteht er aus Rahus Blut.

Andere Überlieferungen verbinden seine Entstehung stärker mit dem verschütteten Amrita. Teilweise vermischen sich Blut und Unsterblichkeitsnektar, bevor daraus Knoblauch entsteht.

Es gibt sogar eine ganz andere ayurvedische Ursprungsgeschichte, in der der göttliche Vogel Garuda Amrita transportiert. Einige Tropfen fallen auf die Erde und daraus wächst Knoblauch.

Hier fehlt das Dämonenblut vollständig.

Der Knoblauch wäre nach dieser Version also nicht das Kind eines Dämons, sondern unmittelbar aus dem Nektar der Unsterblichkeit entstanden.

Solche Unterschiede sind bei sehr alten Erzählungen nichts Ungewöhnliches. Geschichten wurden über Jahrhunderte weitergegeben, verändert und an religiöse Vorstellungen angepasst.

Gerade deshalb sollte man nicht von der einen verbindlichen Knoblauchlegende sprechen.

Ein Dämon, ein Unsterblichkeitstrank und eine außergewöhnliche Pflanze

Die Variante mit Rahu ist trotzdem besonders reizvoll.

Sie erklärt nämlich nicht nur, woher Knoblauch angeblich stammt. Sie versucht gleichzeitig, seinen widersprüchlichen Ruf verständlich zu machen.

Knoblauch riecht stark.

Er schmeckt scharf.

Er kann einem Gericht schon mit einer einzigen Zehe seinen Stempel aufdrücken.

Wer eine rohe Knoblauchzehe zerbeißt, würde wahrscheinlich nicht als Erstes auf die Idee kommen, dass diese Pflanze aus einem sanften göttlichen Nektar entstanden sein soll.

Ein wenig Dämonenblut passt da schon besser zur Geschichte.

Gleichzeitig wurde Knoblauch seit langer Zeit als Nahrungs- und Arzneipflanze geschätzt.

Was könnte diese beiden Seiten besser miteinander verbinden als eine Pflanze, die gleichzeitig aus dem Blut eines Asura und dem Nektar der Unsterblichkeit hervorgegangen sein soll?

Rahu lebt am Himmel weiter

Auch Rahu verschwand nach seiner Enthauptung nicht aus der Mythologie.

Da er bereits Amrita getrunken hatte, blieb sein Kopf unsterblich.

Und Rahu hatte nicht vergessen, wer seinen Betrug aufgedeckt hatte.

In der hinduistischen Mythologie wird damit eine weitere faszinierende Geschichte verbunden: Rahu verfolgt Sonne und Mond und versucht immer wieder, sie zu verschlingen.

Wenn ihm das gelingt, verdunkelt sich der Himmel.

Eine Sonnen- oder Mondfinsternis entsteht.

Da Rahu jedoch keinen vollständigen Körper mehr besitzt, können Sonne und Mond ihm wieder entkommen.

So verbindet die Erzählung auf erstaunliche Weise Himmel und Erde.

Oben am Himmel jagt der enthauptete Rahu Sonne und Mond.

Unten in der Erde wächst angeblich eine Pflanze aus seinem Blut.

Der Knoblauch.

Vom Dämonenblut ins Gemüsebeet

Heute braucht es natürlich keinen Asura, um Knoblauch entstehen zu lassen.

Eine einzelne Knoblauchzehe genügt.

Du steckst sie im Herbst oder Frühjahr in die Erde, und einige Monate später kannst du eine vollständige Knolle ernten.

Wer die alte Geschichte kennt, betrachtet sein Knoblauchbeet vielleicht trotzdem ein wenig anders.

Unter der Erde liegen dann nicht einfach nur ein paar Zehen.

Dort wächst – zumindest in der Welt der Mythen – eine Pflanze, deren Geschichte mit einem kosmischen Ozean beginnt, zu einem gestohlenen Unsterblichkeitstrank führt und mit einem enthaupteten Dämon noch längst nicht endet.

Das ist eine erstaunliche Karriere für eine Pflanze, die heute selbstverständlich neben Zwiebeln, Möhren und Kartoffeln in unserer Küche liegt.

Und vielleicht erklärt die Geschichte sogar ein wenig, warum dem Knoblauch später so viele magische Eigenschaften zugeschrieben wurden.

Eine Pflanze, die aus Dämonenblut entstand und gleichzeitig einen Tropfen Unsterblichkeit in sich trägt, müsste schließlich mehr können, als nur eine Tomatensoße zu würzen.

Vom dämonischen Ursprung zum Schutz vor dem Bösen

Das wirklich Kuriose an der Geschichte des Knoblauchs ist nämlich, dass sich seine Rolle später geradezu umkehrte.

Obwohl er in einer Überlieferung selbst aus dem Blut eines dämonischen Wesens entstanden sein soll, wurde Knoblauch in zahlreichen Kulturen zu einer Pflanze, die vor bösen Mächten schützen sollte.

Knoblauch wurde getragen, aufgehängt oder an Eingängen angebracht. Er sollte den bösen Blick und andere unheilvolle Einflüsse fernhalten.

Und irgendwann kamen natürlich die Vampire hinzu.

Die Vorstellung vom Knoblauch als Schutzpflanze ist damit fast ebenso spannend wie die Legende von seiner Entstehung.

Vielleicht steckt gerade darin der besondere Reiz dieser alten Geschichten.

Knoblauch ist darin nie einfach nur Gemüse.

Er kann aus dem Blut eines Dämons wachsen und trotzdem das Böse vertreiben.

Er kann als unrein gelten und gleichzeitig mit dem Nektar der Unsterblichkeit verbunden sein.

Und während wir heute darüber diskutieren, welche Knoblauchsorte die größten Knollen bildet oder wann der beste Zeitpunkt zum Pflanzen ist, erzählen uns diese alten Überlieferungen noch von einer ganz anderen Seite der Wunderknolle.

Einer Seite voller Götter, Dämonen und Magie.

Häufige Fragen zur Legende vom Knoblauch und Rahu

Soll Knoblauch wirklich aus dem Blut eines Dämons entstanden sein?

Einer alten Überlieferung zufolge ja. Dabei handelt es sich selbstverständlich um eine mythologische Ursprungserzählung und nicht um eine botanische Erklärung. Der Asura Rahu soll enthauptet worden sein, nachdem er vom Nektar der Unsterblichkeit getrunken hatte. Aus seinem auf die Erde gefallenen Blut soll Knoblauch entstanden sein.

Wer war Rahu?

Rahu ist eine Gestalt der hinduistischen Mythologie. Er gehört zu den Asuras und gelangte der Überlieferung zufolge durch eine List an den Unsterblichkeitstrank Amrita. Nachdem sein Betrug entdeckt worden war, wurde er von Vishnu enthauptet. Da er bereits vom Amrita getrunken hatte, blieb sein Kopf unsterblich.

Was ist Amrita?

Amrita ist in der indischen Mythologie der Nektar beziehungsweise Trank der Unsterblichkeit. Er spielt eine zentrale Rolle in der Erzählung vom Quirlen des Milchozeans.

Warum gilt Knoblauch in manchen indischen Traditionen als unrein?

Dafür gibt es religiöse und ernährungsphilosophische Erklärungen. Die Rahu-Legende liefert zusätzlich eine mythologische Begründung: Knoblauch sei aus dem Körper beziehungsweise Blut eines Asura entstanden und besitze deshalb einen unreinen Ursprung.

Gibt es verschiedene Geschichten über die Entstehung des Knoblauchs?

Ja. Die Überlieferungen unterscheiden sich. In einigen entsteht Knoblauch aus Rahus Blut, in anderen aus einer Mischung aus Blut und Amrita. Eine weitere Überlieferung lässt Knoblauch unmittelbar aus verschüttetem Unsterblichkeitsnektar entstehen.

Hat die Vampirgeschichte etwas mit Rahu zu tun?

Eine direkte Verbindung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Vorstellung, dass Knoblauch böse oder übernatürliche Mächte abwehrt, findet sich in verschiedenen Kulturen. Die später populär gewordene Verbindung zwischen Knoblauch und Vampiren gehört zu einem anderen Überlieferungskomplex.

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